Seit über 20 Jahren begleite ich Menschen bei wichtigen Entscheidungen oder reflektiere diese mit ihnen – etwa in strategischen Kontexten oder in Auswahlinterviews. Dabei zeigt sich für mich immer wieder ein zentraler Unterschied zwischen „weg von“- und „hin zu“-Entscheidungen.
Der Unterschied in der Richtung liegt zunächst auf der Hand:
„Weg von“ bedeutet die Abkehr von etwas Unangenehmem, Belastendem oder gar Toxischem. Wir handeln aus Frust, Druck oder Schmerz heraus. Dabei geht es um Befreiung, Entlastung oder zumindest um eine Verbesserung der Situation oder ihres Empfindens. Dafür benötigen wir keine konkrete Zielrichtung – es reicht, sich vom Bestehenden zu entfernen.
„Hin zu“ bedeutet hingegen ein bewusstes Ausrichten auf ein Ziel und daraus abgeleitete zielgerichtete Aktionen. Hier folgt das Handeln dem Sog des Reizvollen, der Lust auf bzw. an Entwicklung, Verwirklichung oder Sinn. Dabei geht es um das Hinkommen zu und das Ankommen an einem Ziel.
Daraus ergibt sich ein entscheidender Unterschied:
Nur „hin zu“-Entscheidungen können langfristig zu wirklicher Zufriedenheit führen, weil sie dorthin führen, wo oder wie man sein möchte. Sie erzeugen Zentrierung, Energie, Erfolg und das Gefühl des Angekommen-Seins.
„Weg von“-Entscheidungen hingegen reduzieren zunächst Schmerz, Druck oder Stress. Das führt zu Erleichterung – oft auch zu Freude. Diese basiert jedoch auf der Abgrenzung zur vorherigen Situation und nutzt sich mit der Zeit ab. Was bleibt, ist häufig Neutralität.
Beide Entscheidungsarten haben ihre Berechtigung.
Schwierige oder negative Situationen – von unangenehm über belastend bis toxisch – führen zu typischen Signalen wie:
- ein diffuses oder klares „Nein“-Gefühl
- Druck, Stress oder Überforderung (oder auch Unterforderung)
- Abhängigkeit oder Angst
- Gefühle von Minderwertigkeit, Ohnmacht, Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit
In solchen Situationen ist es sinnvoll, dem Belastenden auszuweichen oder sich davon zu lösen. Die Gründe müssen dabei nicht vollständig klar sein – oft reicht das Empfinden, dass „es so nicht passt“. Denn man kann bereits auf Basis des diffusen Empfindens einer unguten Belastung die Entscheidung gegen die Negativsituation treffen und aus dieser herausgehen. Oft ist es sogar besser, je eher man die Situation verlässt, da es oft einfacher geht, weniger schmerzhaft ist oder abgeschwächte Folgen nach sich zieht.
Gleichzeitig ist wichtig zu verstehen: In solchen Momenten befinden wir uns in einer Art Alarmzustand. Der Fokus verengt sich auf die Linderung des Schmerzes oder des Frustes. Das setzt Energie frei, schränkt aber zugleich die Fähigkeit zu kreativem und perspektivischem Denken und Handeln ein.
Je nach Dramatik der Situation kann schnelles Handeln notwendig oder sogar zwingend sein. Gleichzeitig gilt: Auf diesem Entscheidungsweg ist keine „Landung im Paradies“ zu erwarten. Dafür bräuchte es eine Phase der Verarbeitung, der Klärung und der Neujustierung – manchmal auch der Heilung. Ein bewusster Rückzug in einen „Safe Space“ kann hier sinnvoll sein.
Erst nach dieser Phase wird der Übergang in die „hin zu“-Logik möglich.
Denn in der Klarheit können wir unseren Fokus wieder weiten, kreativ sein, unseren Horizont erweitern, unterschiedliche Perspektiven einnehmen und Optionen durchdenken – und schließlich unsere Ziele erkennen. Entscheidungen folgen dann nicht mehr dem Frust oder Schmerz, sondern dem Sog der Lust auf etwas:
- wir zahlen auf unsere eigenen Werte ein
- wir nutzen unsere Stärken und/oder leben unsere Talente aus
- wir entfalten bisher nicht gelebten Potenziale
NUR damit werden Schritte in Richtung der persönlichen Ziele möglich. Das setzt große Energien frei und stiftet Zufriedenheit (Sinn-Erleben). So können wir Ankommen („Zielort“).
Zwischen diesen beiden Polen gibt es häufig eine Phase der Unklarheit.
Keiner der beiden starken Treiber Frust oder Lust dominiert. Es fehlt an Zielklarheit, an Richtung – das „Wohin?“ ist offen. Man fühlt sich orientierungslos, Entscheidungen fallen schwer. Gleichzeitig ist die Ausgangssituation oft nicht kritisch genug, um ein „Weg von“ zu erzwingen. Ohne klares Ziel fehlt die Grundlage für ein „Hin zu“. Und da diese Situation zumindest unkritisch, in der Regel annehmbar, manchmal sogar gut ist, fehlt oft der Antrieb, sie zu verlassen.
In dieser Phase hilft es, bewusst in einem Such- und Lernmodus zu bleiben:
- ausprobieren
- testen
- lernen
Dadurch entstehen Erfahrungen, die zur Klärung beitragen. Gleichzeitig kann es sinnvoll sein, sich selbst Rahmen zu setzen – etwa durch Zeitmarken oder bewusste Reflexionspunkte –, um nicht dauerhaft in dieser Zwischenphase zu verharren.
Zusätzlich begegnen uns in allen Entscheidungssituationen verlockende Perspektiven: weniger Sorgen, weniger Druck, weniger Abhängigkeit, mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Status. Diese Verlockungen des Egos begegnen uns in allen Entscheidungssituationen. Sie können kurzfristig attraktiv erscheinen, bergen aber die Gefahr, in eine neue unpassende oder abhängige Situation oder in eine Pseudo-Zufriedenheit zu führen.
Hier hilft ein bewusster Abgleich mit den eigenen Werten und Zielen:
- Bin ich das oder ist es mein Ego?
- Locken mich die Anreize bzw. Belohnungen oder das dahinterliegende Ergebnis?
- Fühle ich mich fremdgesteuert oder eigenverantwortlich?
- Hinterlassen Erfolge ein Gefühl der inneren Leere oder der inneren Fülle und Zufriedenheit?
Diese Unterscheidung ist zentral, um zu differenzieren und letztlich die eigene Entscheidungssituation zu erkennen:
- Befinde ich mich im „weg von“ (Frust, Schmerz)?
- Verharre ich in einer Phase der Unklarheit („Wohin?“)?
- Bewege ich mich „hin zu“ meinem Zielort oder befinde ich mich bereits dort (Lust, Erfüllung)?
- ODER habe ich mich von meinem Weg ablenken lassen (Verlockungen)?
Erst auf dieser Basis lassen sich Richtung und nächste Schritte sinnvoll bestimmen.
Für Organisationen und Führung bedeutet das: Nicht jede Entscheidung ist sofort eine Richtungsentscheidung. Oft geht es zunächst darum zu klären, aus welcher Logik heraus gehandelt wird – bevor Ziele definiert und Maßnahmen abgeleitet werden. Diese bewusste Einordnung schafft Orientierung, erhöht die Qualität von Entscheidungen und erweitert die eigenen Handlungsspielräume.
Viel Erfolg und Zufriedenheit mit guten Entscheidungen.